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Von Erwartungen und Erlebnissen

Die Seeschwalbe liegt kurz vor der Ausfahrt des Crinan Canals. Ich sitze im Deckshaus. Mir weht ein milder Wind um die Nase. Ein Hauch von Sommer, den wir die letzten Tage immer mehr vermissen. Ich lasse meine Gedanken schweifen und versuche, die letzten Wochen Schottland zu sortieren. Wir kamen schließlich mit großen Erwartungen hierher. Doch waren wir dadurch eventuell befangen, weil sich bereits vor Ankunft ein Bild im Kopf festgesetzt hat? Das wird sich zeigen. Erst einmal lasse ich unsere Erlebnisse in meinem inneren Kino wieder lebendig werden...


Nach ein paar Tagen Inverness mit der richtigen Dosis aus Stadt und grüner Oase sind wir heute bereit für den Caledonian Canal. Die Erfahrungen aus dem Göta-Kanal kommen uns zugute und wie alte Hasen meistern wir Schleuse um Schleuse. An jedem Lock werden wir von einem freundlichen Schleusenwärter begrüßt, der uns die Leinen abnimmt, die Tore bedient und immer für einen Schwatz zu haben ist. Es ist alles sehr entspannt.

Nur ein paar Stunden später wird der Kanal immer breiter und gibt schließlich den grandiosen Blick auf Loch Ness für uns frei. Rechts und links steigen die grünen Hänge der Berge empor, die den schmalen See fest umarmen. Ich stehe am Steuer unserer Seeschwalbe und habe einen Kloß im Hals. Vor sieben Wochen standen wir zur Verabschiedung noch auf dem Steg in Lauterbach und schon viele Seemeilen und Erlebnisse liegen inzwischen in unserem Kielwasser. Und jetzt sind wir hier. Wir haben es getan und sind einfach losgesegelt.

Jede Seemeile und jeder Pulsschlag dieses Abenteuers fühlt sich sooo richtig an.

Mein Herz schlägt wie wild und ich möchte einfach jeden Moment in mir aufnehmen. Eine Stunde später schlägt es auch wie wild, aber eigentlich wegen der Wassertemperatur des Sees, als wir darin eintauchen.

Schon am nächsten Tag segeln wir im feinsten Raumwindkurs einmal den Loch Ness hinauf und Boris lässt es sich nicht nehmen, sich vor Urquhart Castle mit dem Foilboard von der Seeschwalbe ziehen zu lassen. Na das gibt doch definitiv einen Haken auf der Bucketlist!


Nach einer dreitägigen Zwangspause in Fort Augustus können wir unseren Weg fortsetzen. Die Landschaft bleibt weiter fantastisch. Die Berge haben auch die nun folgenden Seen Loch Lochy und Loch Oich "im Schwitzkasten" und ihre mit grünem Pelz bezogenen Hügel tragen eine Haube aus tiefhängenden Wolken oben auf.



Nachdem sich hinter uns das letzte Schleusentor des Caledonian Canals schließt, freuen wir uns jetzt auf die schottische Inselwelt mit den inneren und äußeren Hebriden. Davon träumen wir schon lang. Zum Durchschnaufen wollen wir aber zunächst ein paar Tage auf Kerrera - einer Insel gegenüber von Oban - verbringen. Bei der Anfahrt auf die Mooringtonnen schrillt das Motor-Alarmsignal ohrenbetäubend auf. Ein großer Schreck und in Windeseile heißt es nun, Segel wieder raus und unter Segeln die Mooringboje zu fassen bekommen. Wie sich herausstellt, ist ein Verbinder vom Motor zum Warmwasserboiler gebrochen und das ganze Kühlwasser im im Motorraum verdampft. Bereits wenige Stunden später kommt jemand vom Yachtservice der Marina und kann uns sowohl mit Ersatzteil als auch mit Ein- und Ausbau helfen. Kerrera ist eine unfassbar schöne, grüne Insel mit einer tollen Marina abseits des geschäftigen Treibens von Oban. Das Gylen Castle an der Südspitze der Insel raubt mir den Atem und lässt mir Tränen in die Augen steigen angesichts der tosenden Gewalt der Wellen, die an die Steilküste donnern, dem Grün der Hänge und Wiesen rundherum und dieser trotzigen Ruine, vor deren Eingang ich gerade stehe.


Vier Tage später, mit Zwischenstopp in Tobermory, setzen wir Segel zur Isle of Canna, die wir nach einer sehr bewegten Überfahrt mit einer winzigen Portion Seekrankheit nach einigen Stunden erreichen. Die nächsten zwei Tage erkunden wir diese kleine, zauberhafte Insel mit ihrer vielfältigen Tierwelt: Nur hundert Meter vom Boot lassen sich die Robben die rare Sonne auf den Pelz scheinen und heulen die ganze Nacht, die Austerfischer stochern in den Wiesen nach Fressbarem und auf einem vorgelagerten Fels gibt es eine Puffin-Kolonie. Wir können uns nicht sattsehen und machen hunderte Fotos.

Canna ist unser Absprungsort zu den Äußeren Hebriden. Die Vorhersagen - sowohl kurz- als auch langfristig - sind nicht besonders gut. Aber wenn wir es nicht jetzt versuchen, klappt es vielleicht gar nicht mehr, hinüber zu segeln. Es hat sich ein Sturmwochenende angekündigt und wir finden auf South Uist den gut geschützten Hafen von Lochboisdale. Nach ungefähr 10 Stunden mit akzeptablen Bedingungen erreichen wir die Insel. Unterwegs begleiten uns ein paar Define. Wale treffen wir leider nicht, obwohl hier in der Gegend ein paar Buckel-Wale unterwegs sein sollen.

Gerade festgemacht treffen wir auf die Kanadierin Carry, die mit ihrem schottischen Mann Stuart wegen eines gälischen Festivals hier ist (https://www.ceolas.co.uk/home/summer-school-2023/). Das dürfen wir uns auf gar keinen Fall entgehen lassen. So ziehen am Sonntagabend Franzosen, eine Kanadierin, ein Schotte, Amerikaner und zwei Deutsche gutgelaunt los und erleben einen unvergesslichen Abend. Die Eröffnung der Summer School findet in der Community Hall des nächsten Ortes statt. Alt und Jung sind anwesend und wir fühlen uns mehr als willkommen. Als Opening spielt ein junger Mann Dudelsack. Als die erste Laute erklingen bekomme ich Gänsehaut und bin total ergriffen, denn mir wird bewusst: ich sitze hier auf den Äußeren Hebriden, inmitten einer gälischen Gemeinde und darf teilhaben an ihrer Kultur. Im Laufe des Abends hören wir noch unfassbar gute Stimmen mit gälischen Weisen, in die das Publikum immer wieder mit einstimmt, lauschen virtuosen Musikern und sehe traditionelle Tänze. Und natürlich wird auch selbst getanzt! Zusehen und Nachmachen ist die Devise. Mit einem breiten Grinsen falle ich gegen Mitternacht in die Koje und schlafe selig ein.

Den Rest unserer Zeit auf Uist vertreiben wir uns, indem wir mit dem Bus auf der Insel herumfahren, genießen außerordentlich guten Gin bei einer einheimischen Distillerie (https://www.northuistdistillery.com), trinken hervorragenden Kaffee in einer winzigen Kaffeerösterei direkt am Hafen (https://www.skydancer.coffee) und können uns nicht satt sehen an den türkisen Stränden der Insel Eriskay.

Die karge Schönheit der Äußeren Hebriden hat uns mit offenen Armen empfangen und gern wären wir länger geblieben.

Doch es ist nicht genug Zeit, denn ein Tiefdruckgebiet jagt das andere. Wir wollen jetzt endlich Sonne und wärmere Temperaturen, wünschen uns Raumwindsegeln at its best. Also setzen wir bei nächster Gelegenheit Segel Richtung Kerrera, um dort Post abzuholen und dann weiter südlich zu reisen.

Aufgrund der Vorhersagen segeln wir nicht den Gulf von Kintyre außen herum, sondern haben uns für den Shortcut über den Crinan Canal entschieden.

Kurz vor Crinan kommen wir in unseren ersten starken Gezeitenstrom. Zum Glück so geplant und natürlich mitlaufend. Gegenan hätten wir keine Chance. So werden wir mit über neun Knoten vorwärts geschoben. Die Naturgewalt Wasser ist einmal mehr beeindruckend.


Wie es der Zufall so will, sind wir mit einem deutschen Segelboot aus Flensburg zusammen in der Schleuse, verbringen schöne gemeinsame Abende und probieren von den selbstgefangenen und geräucherten Makrelen. Andreas und Katharina auf ihrer "Slisand Lady" sind wie wir ohne zeitliches Limit Richtung Süden unterwegs. Nach dem Kanal trennen sich unsere Wege. Vorerst. Vielleicht kreuzen sich die Kurslinien in Spanien oder Portugal ja noch einmal.


Von nun an geht es immer südlicher. Die Vorhersagen für die nächsten Tage sind ganz ok. Meistens regnet es und ab und zu zwinkert auch mal die Sonne zwischen den Wolken hindurch. Mit 15°C bleibt uns der schottische Sommer erstmal erhalten. Nach dem Kanal steuern wir die Isle of Arran an. Für die folgenden Stunden schaukelt uns ein ruppiger Amwind-Kurs mit bis zu 26 kn kräftig durch, bei dessen Schräglage ich es dennoch hinbekomme, ein warmes Abendessen zu kochen. Man wächst mit seinen Herausforderungen! Zum Abend hin klart es auf und mit dem goldenen Licht der untergehenden Sonne erreichen wir die Bucht von Lochranza, die imposant von hohen Bergen eingerahmt wird. Nach dem Frühstück werfen wir das Dinghi ins Wasser und rudern an Land. Wir wollen uns vorm Weitersegeln noch die Beine vertreten und uns etwas bewegen. Letztendlich landen wir wegen des Regens in einer Whisky-Brennerei (https://www.arranwhisky.com) und zufällig beginnt in diesem Moment ein Tasting. Da sind wir natürlich dabei! Das Konzept, welches wir schon beim Gin-Tasting durchschaut hatten, funktioniert auch hier. Wir genießen fünf Whiskys und sind dann kaufwillig. Angeschickert laufen wir im strömenden Regen zurück zum Dinghi und rudern klitschnass und gutgelaunt zum Boot zurück. Hach, was für ein schöner Tag! Eine Stunde später setzen wir Segel und nach einem sehr erfolgreichen Angel-Stop (10 min für 6 Makrelen) erreichen wir am Abend einen Ankerplatz vor Campbeltown für unsere letze Nacht in Schottland.


Doch wie ist das nun mit den Erwartungen, die wir hatten? Wir würden sehr gern noch einmal hierher kommen und mehr von den inneren und äußeren Hebriden sehen und erleben. Viel zu wenige Whisky-Inseln haben wir besucht. Vor keiner Distillery geankert. Unser Hunger nach einsamen Buchten mit weißen Sandstränden und türkisem Wasser in dieser außergewöhnlichen Landschaft ist noch nicht gestillt. Vielleicht mal im Mai oder Juni mit der Hoffnung auf beständiges Wetter und fair Winds. Doch statt erfüllter Erwartungen gab es etwas viel besseres: Wir haben uns ein eigenes Bild von Schottland gemacht mit so vielen unbeschreiblichen Erlebnissen und beeindruckender Landschaft. Emotionen haben mich überwältigt angesichts unfassbarer Natur, gälische Musik hat mein Herz berührt und ich habe mitten auf den äußeren Hebriden in einer gälischen Gemeinde dazu getanzt. Die Begegnungen aus den letzten vier Wochen werden in unseren Herzen bleiben! Begegnungen mit sehr offenen, freundlichen und lustigen Menschen. Das macht uns glücklich und lässt uns mit einem Lächeln zurückblicken. Mòran taing!

Nun freuen wir uns auf das nächste Kapitel unserer Reise: Irland.



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3 Comments

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Toll geschrieben und man fühlt mit 🤗

Marcus

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Guest
Jul 14, 2023

ihr Lieben

vielen Dank für diesen wunderbaren Einblick in diese offensichtlich traumhafte Inselwelt. Es macht sehr große Freude alles zu lesen, daran teilzuhaben so hautnah zum mitfühlen.

freue mich schon sehr auf den nächsten Bericht.

fühlt euch gedrückt

Alice💋

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Hab lieben Dank! Es war eine kleine Herausforderung, die ganzen Eindrücke zu komprimieren ☺️. Dublin ist angesichts des nassen Wetters auch eine Herausforderung. Da müssen wir wohl im Sommer nochmal wiederkommen. Viel Spaß auf Rügen und Grüße an alle!

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