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Die vier spanischen Schwestern

Auf der letzten der vier großen Balearen-Inseln - Menorca - angekommen, lassen wir die vergangenen Wochen Revue passieren. Um ehrlich zu sein, haben wir soviel Vielfalt und Schönheit nicht erwartet. Eigentlich waren die Inseln nur als eine Art Zwischenstopp auf dem Weg nach Sardinien gedacht. Und nun haben sie uns überrascht und in ihren Bann gezogen. Also ist es nicht schlimm, aufgrund des Mistrals* noch länger hier zu verweilen. Viel schöner kann es woanders auch nicht sein…


Drei Boote ankern in einer Bucht vor Formentera
Bucht von Es Caló auf Formentera

Nach 24 Stunden Überfahrt vom spanischen Festland liegen wir vor Formentera in der Bucht von Es Caló mit zwei Booten vor Anker, die wie wir in Cartagena überwinterten. Gemeinsam erkunden wir die Insel und sitzen abends gemütlich beisamen. Ich weiß diese Momente sehr zu schätzen, in denen wir wieder auf neue Geschichten, Pläne und Lebensentwürfe treffen. So sehr die gemeinsame Leidenschaft für das Leben an Bord und das Segeln uns vereinen, so unterschiedlich und spannend sind die Menschen und Ideen dahinter. Die Sea Snail ist ein großer Holz-Schoner, den Daniel mit eigenen Händen restauriert hat. Er ist Bootsbauer und ist schon viel herumgekommen, hat viel gesehen und natürlich jede Menge zu erzählen. Daniel und Hannah sind mit ihren drei fast erwachsenen Kindern unterwegs. Hannah ist Künstlerin - sie zeichnet, malt, kreiert Schmuck und schreibt Texte. Die Familie lebte viele Jahre in Neuseeland und ist jetzt seit einem Jahr mit der Sea Snail in Europa unterwegs.

Auf der Muhuhu - dem zweiten britischen Boot - segelt ein junges Paar. Beide fest angestellt in Vollzeit. Eine irre Herausforderung, wenn man bedenkt, dass sie z.B. auch auf den längeren Atlantikpassagen unter Deck am Laptop sitzen und arbeiten. Doch wenn das Boot wild im Seegang schaukelt, wird manchmal auch das zu heftig. Wenn die Augen zu rollen beginnen und das Display nicht mehr fixieren können, ist es Zeit für eine Pause. Sie leben als digitale Nomaden und ziehen mit ihren Jobs durch die Welt. Und zwar auf eine besondere Weise. Sie haben ihre alte Oyster komplett mit Solar ausgestattet und nutzen die Sonne als einzige Energiequelle - auch zum Antrieb ihrer Muhuhu. Statt eines Dieselmotors haben sie einen Elektroantrieb. Damit kommen sie ohne Wind nicht schnell voran, aber dafür emissionsfrei. Gerade in alter Welle und ohne Wind kann das zur Challenge werden, wenn das Boot ohne kräftigen Vortrieb wie ein Korken auf dem Wasser tanzt. Doch Sinead und George haben sich daran gewöhnt und l(i)eben diese Art des Reisens.



Formentera ist im Sommer sicher überlaufen, wie alle Balearen-Inseln. Aber jetzt im Frühjahr, wenn die Supermärkte und Bars noch geschlossen haben, ist es ruhig und entspannt. Eine echte Empfehlung.


Werkzeug zur Demontage eines Solarpanels

Ein paar Tage später nehmen wir Abschied und setzen Segel mit dem Ziel Ibiza. Viel hat man ja schon über die Partyinsel gehört. Wir sind gespannt, ob sie ihrem Ruf gerecht wird? In der Marina von St. Eulalia haben wir einen Liegeplatz gebucht, da wir neue Solarpanele und einen Anker dorthin bestellt haben. Dass es mit dem Anker eine rechte Odysee wird, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Außerdem hat sich mal wieder viel Wind angekündigt und so nutzen wir die Zeit für Arbeiten am Boot. Während wir die alten, auf's Deckshaus aufgeklebten Panele entfernen, muss ich schmunzeln. Hatten wir doch drei Monate Zeit, solche Sachen in der Winterpause zu tun. Aber manchmal braucht es halt seine Zeit und die Muse dafür. Das Dach wird im Anschluss geschliffen und neu lackiert. Den Himmel unterm Deckshaus entsorgen wir und installieren LED-Leisten für mehr Ambiente. Tendenziell werden wir wohl viel Zeit in den nächsten Monaten hier verbringen, da solls auch gemütlich und chillig sein. Apropos Himmel, von jenem rieselt täglich orangefarbener Saharastaub auf uns herab und deckt die Seeschwalbe damit zu. Dafür färbt der Sand aber auch die Sonnenuntergänge grandios.

Nach dem ersten gescheiterten Zustellversuch der Solarpanele, leiten wir sie in eine Packstation des lokalen Versenders um und können sie tatsächlich ein paar Tage später montieren. Die Veränderung im gesamten Energiekonzept der Seeschwalbe ist enorm. Die nächsten Wochen werden uns zeigen, dass wir uns von nun an keine Gedanken mehr über fehlenden Strom machen müssen.



Von Ibiza selbst sehen wir leider nicht viel. Die Warterei auf den Anker blockiert uns irgendwie. Er ist zwar inzwischen auf Ibiza angekommen, aber findet nicht den Weg in die Marina. Es ist die Woche nach den Osterfeierlichkeiten. Da hat wohl kein Spanier Lust, das 25 kg Paket zuzustellen. Ratlosigkeit. Der Ort St. Eulalia selbst präsentiert sich sehr schick, gepflegt und wohlhabend. Wir können uns gut vorstellen, dass hier in der Hochsaison die Party abgeht. Bestimmt kommen wir wieder und werden sehen, wie es sich uns dann zeigt.


Nach einer Woche in der Marina haben wir keine Geduld mehr, bestellen den Anker wieder ab und machen uns auf den Weg nach Palma de Mallorca. Claudia fliegt für ein Wochenende nach Deutschland und Boris wird um die West- und Nordseite der Insel einhand nach Alcúdia segeln.

Bis nach Palma sind 65 Seemeilen (rund 120 km) - also etwa 12 Stunden für unsere Seeschwalbe. Wir starten in den späten Abendstunden mit dem letzten Licht der untergehenden Sonne im Rücken und erreichen Palma gegen 8:00 Uhr am nächsten Morgen. Einen Liegeplatz in einer Charterbasis ist mit 50€ pro Nacht im Vergleich zu den anderen Marinas einigermaßen bezahlbar. Wir liegen in Sichtweite der Kathedrale und in Laufweite zum Flughafenzubringer. Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege. Das erste Mal seit fast einem Jahr ist jeder für sich allein unterwegs.

Wieder gemeinsam in Alcúdia am Start mieten wir uns eine gut motorisierte Vespa und fahren damit auf die Nordwestseite Mallorcas. Freunde hatten uns die tollen Serpentinenstraßen empfohlen. Und was soll ich sagen? Mit diesem Ausflug hat uns die Insel komplett in ihren Bann gezogen! Damit haben wir nicht gerechnet. Entlang schroffer Felsformationen geht es hinauf in die Berge. Rechts und links entdecken wir immer wieder kleine Wanderparkplätze. Die Pfade sehen verlockend aus. Doch unser Ziel ist die andere Seite der Insel. Und so schlängeln sich die Straßen auf und ab. Den letzten Abzweig nehmen wir nicht wie alle anderen und landen in einer relativ einsamen Bucht - ohne weitere Autos oder Fahrradfahrer, die auf der Insel hier zu tausenden gibt. Oberhalb der Bucht liegt ein Restaurant mit famosem Ausblick. Der richtige Ort für Apfelkuchen mit Kaffee bevor es wieder heim geht. Alles in allem macht das hier Lust auf mehr und wir können nun die vielen Inselliebhaber verstehen, die immer wiederkommen. Als wir am 12. April Alcúdia den Rücken kehren, wissen wir, dass es nur ein Abschied auf Zeit ist.



Es ist Zeit, nach Menorca zu segeln, denn von dort werden wir nach Sardinien aufbrechen. Die Distanz zwischen den Balearen und Sardinien von Mahon aus ist am kürzesten. Bis Menorca ist es aber erstmal nur ein Tagestörn. Da die Insel recht flach ist, kann man sie erst spät im Dunst erkennen. Mallorca mit seinen hohen Bergen dagegen ist von Menorca aus immer zu entdecken. Irgendwie freut es die Menorciner, dass sie sich so verstecken können, wie uns später eine Bewohnerin erzählt.



Die Bucht von Son Saura ist großzügig mit wenig Seegras und ideal, um unseren neuen Anker das erste Mal fallen zu lassen. Es ist unfassbar, wie klar hier das Wasser ist. Selbst bei einer Wassertiefe von 4 Metern können wir noch mit bloßem Auge jedes Sandkorn auf dem Boden sehen. Kleine Fische schwirren hin und her. Ich könnte stundenlang einfach nur ins Wasser starren. In kompletter Stille bricht die Nacht an und nach den letzten Tagen im Hafen kommt uns die Natur um uns herum pechschwarz vor. Nur der Halbmond bringt etwas Licht ins Dunkel, eingefasst von unzähligen, funkelnden Sternen und Sternchen. Und es ist so unfassbar ruhig hier. Nur die Seeschwalbe macht ab und zu ein Geräusch, wenn sie sanft hin und her schaukelt oder eine kleine Welle gegen ihren Rumpf platscht.

Den nächsten Tag verbringen wir mit Schnorcheln und Wassersport. Als am Abend eine Gruppe Reiter am Strand auftaucht, schauen wir uns nur kurz an, zücken die Smartphones und innerhalb weniger Minuten ist der Ausritt für den nächsten Abend gebucht. Das steht bei uns schon lang auf der Bucketlist, obwohl wir keine Reiterfahrung haben.


Und so machen wir uns am nächsten Nachmittag über Stock und Stein auf zum Reiterhof. Menorca ist wieder ganz anders als ihre drei Schwestern. Weitläufig, wild und ursprünglich. Und so klettern wir auch über ein paar Mauern und queren Privatland, um pünktlich anzukommen. Wir sind nur eine kleine Gruppe - der Tourguide, ein Belgier und wir beide. Die Pferde sind beeindruckend groß und rabenschwarz. Nach einer kurzen Einweisung - links, rechts, starten und bremsen, geht es los. Naja, wird schon gut gehen. Die „Mädels“ kennen ja den Weg. Gemeinsam reiten wir im gemütlichen Tempo über Weiden und steinige, steile Pfade bergauf und bergab an den Klippen entlang bis zu einem menschenleeren Strand. Es macht so viel Spaß und Lust auf mehr! Zwischendurch wird auch mal getrabt (Das arme Pferd! Ich fühle mich wie ein nasser Sack auf ihrem Rücken. Sorry!) und am Ende reiten wir sogar noch in den Sonnenuntergang. Mehr Klischee geht nicht! Wir drei Reitnovizen spüren zwar unsere Beine nach zwei Stunden nicht mehr, aber grinsen wie die Honigkuchenpferde um die Wette. Da es schon dunkel ist, bietet der Belgier an, uns mit dem Auto noch bis in unsere Bucht zu fahren. Ich bin immer wieder und immer noch von solchen Begegnungen beeindruckt und sie beschäftigen mich nachhaltig. Manchmal sind es nur Augenblicke, ein paar Stunden oder längere Zeit gemeinsam, die Fremde nicht mehr fremd erscheinen lassen und für diese Bruchteile unsere Leben miteinander verlinken. Wie gern denke ich an die Menschen zurück, die wir in Schottland trafen. Oder die Weltumsegler in Rota. Manchmal sind es auch nur die kurzen Gespräche am Steg. Und wie sehr freuen wir uns über die Segler, die unser Kielwasser kreuzten und mit denen wir immer noch in ständigem Kontakt stehen. Diese Reise verändert nachhaltig die Perspektive.


Ankern in der Cala Macarella


Eine Stunde entfernt fällt unser Anker in der Cala Macarella. Um uns herum steigen schroffe Felsen empor und unter uns leuchtet das Türkis. Ob wir uns wohl im Laufe der Zeit an diesen Anblick gewöhnen? Ich hoffe nicht. Für‘s Erste besteht dafür keine Gefahr. Leider ist das Wasser mit 16°C noch ziemlich frisch und so verlockend es auch aussieht, ist diese Temperatur nicht überzeugend genug. Wie bedauerlich. Die Bucht bietet uns für den vorhergesagten Mistral sehr guten Rundumschutz. Trotzdem treffen uns die ganze Nacht heftige Böen, pfeifen laut durch die Wanten und zotteln und zerren ordentlich am Boot. Der Anker hält zuverlässig und gibt keinen Zentimeter nach. Trotz der Geräuschkulisse schlafen wir in dieser Nacht ausgesprochen gut.

Bevor wir an die Ostseite Menorcas segeln warten wir noch einen weiteren Tag, damit sich die aufgebaute Welle noch etwas beruhigen kann. Als wir den Schutz der Insel im Süden verlassen und der alte Schwell uns direkt von vorn trifft, bekommen wir eine Ahnung, wie es die letzten Tage hier gebrodelt haben muss. Die zwei Stunden mit Motor gegenan reichen dann auch voll und ganz.

Die Cala Teulera an der Einfahrt nach Mahon ist glücklicherweise bei allen Windrichtungen vor Welle geschützt. Der Ankergrund ist schlammig und lehmig, weshalb das Wasser auch ganz dunkel erscheint. Rechts und links umarmen uns riesige Wehranlagen aus dem 18. Jahrhundert .

Mit dem Dinghi sind wir in 15 Minuten in Es Castel und wir stocken im örtlichen Supermarkt unsere Vorräte auf. Auf dem Rückweg zum Hafen, kommen wir an einer kleinen Bar mit Livemusik vorbei. Es passt einfach - die Kulisse, die Sonne, die spanisch temperamentvolle Musik und die Aussicht auf hausgemachte Paella und einen eiskalten Weißwein. Also nehmen wir Platz und genießen den Samstagnachmittag.

Segelboot ankert in der Bucht Cala Teulera auf Menorca
Die Cala Teulera erinnert uns total an Schottland.

Beschwingt fahren wir zurück zum Ankerplatz, an dem sich ein großer 65-Fuß-Katamaran dazugesellt hat, der im Verlauf des Abends noch für einige Aufregung sorgen wird. In den nächsten Stunden bläst der Mistral nämlich heftig und die Böen zerren an den Booten mit bis zu 35 Knoten. Es ist spät in der Nacht und bei einem „Kontrollrundumblick“ fällt uns auf, dass der sehr schön blau illuminierte Kat irgendwie die Position verlässt. Also nicht so als würde er wegfahren. Mehr seitlich und ziemlich nah an einem benachbarten Boot vorbei. Liegt es nur an unserer eigenen Bewegung, dass das so aussieht? Es stellt sich heraus, dass offensichtlich der Anker nicht richtig hält und dieses „Monster“ quer durchs Ankerfeld driftet. An Bord sind zwei junge Frauen zu sehen, die scheinbar zum Housekeeping und nicht zur fahrenden Crew gehören. Sie sind der Situation ausgeliefert. Dann lässt der Wind für einen Moment nach und der Anker greift erneut. Als der Wind unvermindert wieder einsetzt, kommt in Höchstgeschwindigkeit ein Tender mit 4 Männern angebraust. Der Kat driftet mittlerweile wieder. Zum Glück seitlichund in genügendem Abstand an uns vorbei. In dem Moment als die Crew an Bord gehen will, versagt der Motor des Beiboots und es treibt auf den Strand. Boris ist inzwischen in unser Dinghi gesprungen und fährt zu ihnen hinüber. Doch sie lehnen die Hilfe ab und schaffen es letztlich, den Kat zurückzufahren und neu zu ankern. Wir atmen kurz durch. Zum Glück ist an keinem Boot Schaden entstanden. Das wäre für den Kat echt zum Problem geworden, da wir ihn am nächsten Tag in Mahon im Hafen mit Chartergästen an Bord sehen.


Und so geht für uns das Erlebnis Balearen vorerst zu Ende. Am 25.4. brechen wir in Richtung Sardinien auf. Die 195 Seemeilen sollten wir in 36 Stunden schaffen. Wir haben so geplant, dass nur eine Nacht in der Passage liegt und wir mit 3-Stunden-Wachen gut zurecht kommen sollten. Am nächsten Abend erreichen wir mit dem letzten Licht noch die Bucht vor Alghero. Es lief alles wie geplant und wir konnten sogar 3/4 der Strecke segeln. Nur zum Schluss ließ der Wind nach und kam vorlicher, weshalb wir dann motorten, um nicht noch später in der Nacht anzukommen.


Unser Start in Deutschland liegt nun ein Jahr zurück und wir haben es bis nach Italien geschafft. Hin und wieder schauen wir uns Fotos und Videos an und es ist für uns kaum zu fassen, was wir in den letzten 12 Monaten gesehen und erlebt haben. Darauf sind wir stolz und gönnen uns am 1. Mai einen Extra-Drink. Wir sind gespannt, was Sardinien für uns bereit hält und werden darüber berichten.



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2 comentários

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13 de mai.
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Die steht die neue Perspektive richtig gut! Ich wünsche dir noch viele weitere spannende, positiv überragende und überraschende Momente! Liebste Grüße Norman

Curtir
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Danke dir! Die neue Perspektive tut auch gut. Manchmal fühlt es sich an als wäre es nie anders gewesen. Das ist verrückt. Auf jeden Fall hab ich gemerkt, dass man auch sich selbst mit auf Reisen nimmt und realisiert, dass man immer noch der ist, der man eben ist. Nur mit Unmengen an neuen Erfahrungen, Blickwinkeln und Skills. Vielleicht verändert diese Reise gar nicht so sehr, aber sie bereichert (das klingt eigentlich zu wenig) ungemein - in jeder Hinsicht. Und ich freue mich schon darauf, irgendwann auf diesen Teil meines Lebens zurückzublicken und die Erinnerungen zu genießen. Liebe Grüße, Claudia

Curtir
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